Heiße Luft über Deutschland: Was eine neue Landkarte über den Rechenzentren-Boom verrät

Seit Kurzem kursiert eine interaktive Karte im Netz, die zeigt, was viele bisher nur ahnten: Überall in Deutschland entstehen neue Rechenzentren – oft leise, ohne große Ankündigung, dafür mit enormem Energie- und Flächenbedarf. Das Projekt nennt sich „Heiße Luft“, und es hat in kurzer Zeit für einiges an Aufmerksamkeit gesorgt, von Berichterstattung bei netzpolitik.org bis zu heise online. Der Name ist Programm: Er spielt sowohl auf die physische Abwärme der Serverfarmen an als auch auf die hitzige Debatte, die sich um sie entspinnt.

Grund genug, einen genaueren Blick auf das Thema zu werfen – auf die Zahlen, die Kritik, aber auch auf die Gegenargumente aus Industrie und Politik.

Was steckt hinter „Heiße Luft“?

Hinter der Karte steht ein Bündnis aus mehreren Organisationen: AlgorithmWatchFragDenStaat, das Beratungsunternehmen Leitmotiv sowie ein eigens gegründetes „Heiße-Luft-Kollektiv“. Ihr erklärtes Ziel: Transparenz schaffen über eine Infrastruktur, die bislang kaum öffentlich sichtbar ist, obwohl sie massiv wächst. Die Daten dafür stammen laut den Machern aus öffentlichen Quellen sowie aus Hinweisen von Bürgerinnen und Bürgern vor Ort.

Auf der Karte lassen sich geplante und bereits gebaute Rechenzentren, ihre Betreiber, der Baustatus sowie – wo bekannt – Stromverbrauch und mögliche Auswirkungen auf die lokale Wasserversorgung nachschlagen. Auch Bürgerproteste gegen einzelne Projekte werden verzeichnet.

Ein Markt im Höhenflug

Dass Rechenzentren derzeit ein Wachstumsthema sind, bestätigt auch die Branche selbst. Nach Zahlen des Digitalverbands Bitkom lag der Stromverbrauch deutscher Rechenzentren 2025 bei rund 21,3 Milliarden Kilowattstunden – ein Anstieg gegenüber rund 20 Milliarden Kilowattstunden im Vorjahr. Die installierte Gesamtkapazität stieg 2025 um 9 Prozent auf knapp 2.980 Megawatt, für 2026 wird erstmals die Marke von 3.000 Megawatt erwartet. Bis 2030 rechnet Bitkom mit einem Anstieg auf über 5.000 Megawatt – ein Plus von 70 Prozent gegenüber 2024. Besonders dynamisch entwickelt sich das Segment der KI-Rechenzentren, das sich laut Prognose von 530 auf 2.020 Megawatt vervierfachen könnte. Investiert wurden 2025 rund 12 Milliarden Euro in entsprechende Hardware.

Die Bundesregierung selbst hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Sie will die gesamte Rechenkapazität in Deutschland bis 2030 verdoppeln, die Kapazität für KI-Anwendungen sogar vervierfachen. Nach Angaben von „Heiße Luft“ soll rund die Hälfte der neu entstehenden IT-Kapazitäten von US-Konzernen genutzt werden.

Strom, Wasser, Fläche: Der Ressourcenhunger der Digitalisierung

Genau an diesem Wachstum entzündet sich die Debatte. Kritiker wie die Organisationen hinter „Heiße Luft“ verweisen darauf, dass ein einzelnes 54-Megawatt-Rechenzentrum so viel Strom benötigt wie etwa 80.000 Haushalte. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche Rechenzentrumssektor verbraucht mittlerweile so viel Strom wie ein mittelgroßes Bundesland.

Auch der Wasserverbrauch steht in der Kritik, da viele Anlagen zur Kühlung auf Verdunstungskühlung setzen – nach Angaben von „Heiße Luft“ betrifft das etwa ein Drittel der großen deutschen Rechenzentren. Die Dimension wird deutlicher, wenn man auf globale Zahlen blickt: Eine von netzpolitik.org zusammengefasste Studie der UN-Universität schätzt den strombezogenen Wasserfußabdruck von Rechenzentren weltweit 2025 auf 4,5 Billionen Liter, mit einem möglichen Anstieg auf 9,3 Billionen Liter bis 2030. Das Öko-Institut wiederum beziffert den globalen Wasserverbrauch allein für die Kühlung von Rechenzentren 2024 auf 239 Milliarden Liter, mit einer erwarteten Steigerung auf 664 Milliarden Liter bis 2030 – zum Vergleich: Berlin verbrauchte 2022 mit rund vier Millionen Einwohnern etwa 215,5 Milliarden Liter Trinkwasser im Jahr.

Das Bundesdigitalministerium hält solchen Zahlen entgegen, dass deutsche Rechenzentren zu den nachhaltigsten weltweit gehörten und im internationalen Vergleich eher niedrigere Wasserverbrauchswerte (WUE) aufwiesen. Kritiker entgegnen wiederum, dass solche relativen Effizienzwerte täuschen könnten, weil der absolute Verbrauch durch den Ausbau trotzdem massiv steige.

Woher kommt der Strom? Die Gaskraftwerk-Frage

Ein weiterer Streitpunkt ist die Herkunft des benötigten Stroms. Ein Teil des Zubaus an Rechenzentrumskapazität wird nach Recherchen von netzpolitik.org durch neue Gaskraftwerke abgesichert: So realisieren E.ON und CyrusOne beispielsweise ein gasbetriebenes Versorgungssystem für ein Rechenzentrum in Frankfurt am Main. Das Bundeswirtschaftsministerium plant zudem die Ausschreibung von 20 Gigawatt neuer Gaskraftwerkskapazität bis 2030 – ein Vorhaben, das nicht ausschließlich, aber auch mit Blick auf den steigenden Strombedarf der Digitalwirtschaft diskutiert wird.

Aus der Energiewirtschaft kommen dazu durchaus zustimmende Stimmen: RWE-Chef Markus Krebber begrüßt öffentlich die steigende Stromnachfrage durch KI-Anwendungen und kündigt neue Gaskraftwerke an, Siemens Energy vermarktet Rechenzentren zunehmend im Paket mit Gasturbinen. Umweltverbände wie „Beyond Fossil Fuels“ warnen dagegen, dass diese Entwicklung die Klimaziele gefährde, weil sie fossile Strukturen zementiere statt sie abzubauen.

Der Streit um das Energieeffizienzgesetz

Besonders kontrovers wird derzeit über eine Novelle des deutschen Energieeffizienzgesetzes diskutiert. Ein Referentenentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums sieht laut Tagesspiegel Background unter anderem gelockerte Effizienzwerte, abgeschwächte Abwärmevorgaben und herabgesetzte Ziele für die Energieeffizienz von Rechenzentren (PUE-Werte) vor.

Eine gemeinsame Recherche von Campact und LobbyControl will dabei „auffällige Parallelen“ zwischen dem geleakten Entwurf und Forderungen aus Lobbypapieren großer Digitalkonzerne wie Microsoft und Google gefunden haben. Campact ruft in diesem Zusammenhang zu einem Appell an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auf, der nach eigenen Angaben bereits von mehr als 665.000 Menschen unterzeichnet wurde. Auch AlgorithmWatch kritisiert die geplante Aufweichung scharf und hat eine eigene Petition gestartet; eine ausführliche rechtliche Einordnung dazu hat die Organisation ebenfalls veröffentlicht.

Die Branche selbst sieht die Lage allerdings differenzierter – und in Teilen sogar gegenteilig. Bitkom hatte bereits die ursprüngliche Fassung des Gesetzes scharf kritisiert und in einer eigenen Stellungnahme von einem „grundlegenden Konstruktionsfehler“ gesprochen. Bemängelt wurden etwa die Pflicht zur Abwärmenutzung, für die es vielerorts schlicht keine Abnehmer und keine passenden Wärmenetze gebe, sowie eine vorgeschriebene Ökostromquote, obwohl Rechenzentren den deutschen Strommix nicht selbst beeinflussen könnten. Aus Sicht des Verbands bräuchte es also eher realistischere statt strengere Vorgaben. Weder das Wirtschaftsministerium noch die genannten Digitalkonzerne haben sich – soweit öffentlich bekannt – bislang im Detail zu den Lobbyvorwürfen von Campact und LobbyControl geäußert.

Ein Blick ins Ausland: Das Beispiel Amsterdam

International gibt es bereits Beispiele, wie Kommunen auf den Rechenzentrums-Boom reagiert haben. Bekannt ist vor allem der Fall Amsterdam: Die dortige Stadtregion verhängte laut Berichten von 2019 mit sofortiger Wirkung einen Baustopp für neue Rechenzentren, weil Fläche und Stromnetz in der Region an ihre Grenzen stießen. Für eine spätere Wiederzulassung von Neubauten wurden Auflagen formuliert: kostenlose Bereitstellung von Abwärme zum Heizen umliegender Wohnungen, der verpflichtende Einsatz von Ökostrom, ein möglichst geringer Flächenverbrauch sowie eine bessere architektonische Einbindung. Der Fall gilt seither vielerorts als Referenzpunkt in der Debatte, wie stark Kommunen den Ausbau steuern können und sollten – auch wenn sich die Situation vor Ort seither weiterentwickelt hat.

Zwei Seiten einer Medaille

Am Ende zeigt sich: Beim Thema Rechenzentren treffen zwei nachvollziehbare Perspektiven aufeinander. Befürworter des Ausbaus verweisen auf digitale Souveränität, Wirtschaftswachstum und die Notwendigkeit, in einer zunehmend KI-getriebenen Welt technologisch nicht den Anschluss zu verlieren – zumal sich die Energieeffizienz einzelner Anlagen laut Bitkom kontinuierlich verbessert. Kritiker halten dagegen, dass der absolute Ressourcenverbrauch trotz aller Effizienzgewinne massiv steigt, dass Klimaschutzvorgaben aufgeweicht statt verschärft würden und dass ein Großteil der neuen Infrastruktur letztlich ausländischen Cloud-Konzernen zugutekomme.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, welche Rechenzentren in der eigenen Nachbarschaft geplant oder bereits im Bau sind, kann das auf der interaktiven Karte von heisseluft.org nachvollziehen.

Quellen

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