Wer sich ernsthaft mit hochwertigem Amateurfunk beschäftigt, stolpert früher oder später über eine unscheinbare, fast schon nüchterne Tabelle: die Sherwood Receiver Performance Table auf sherweng.com. Keine Hochglanzbilder, kein Marketing – nur Zahlen, Messwerte und Ranglisten. Und genau das macht sie so mächtig.
Die sogenannte Sherwood-Liste ist seit vielen Jahren eine der wichtigsten Referenzen, wenn es um die tatsächliche Empfangsleistung von Amateurfunkgeräten geht. Nicht das, was im Prospekt steht. Nicht das, was Influencer erzählen. Sondern das, was ein Empfänger unter realistischen, extremen Bedingungen wirklich kann.
Was misst die Sherwood-Tabelle eigentlich?
Im Kern geht es um eine entscheidende Frage: Wie gut kann ein Empfänger schwache Signale hören, während starke Signale direkt daneben stehen?
Genau hier trennt sich im Funkbetrieb die Spreu vom Weizen. Besonders auf vollen Bändern – Contest, DX-Pileups, digitale Modi – entscheidet nicht die Ausgangsleistung, sondern die Empfängerqualität darüber, ob man gehört wird oder selbst noch etwas hört.
Die Sherwood-Messungen konzentrieren sich dabei vor allem auf:
– Dynamikbereich bei engem Signalabstand (z. B. 2 kHz)
– Großsignalfestigkeit
– Phasenrauschen des Local Oscillators
– Intermodulationsfestigkeit (IMD)
– Verhalten bei extrem starken Nachbarkanälen
Der berühmteste Wert ist der RMDR / Dynamic Range @ 2 kHz. Er zeigt, wie gut ein Gerät mit sehr starken Nachbarsignalen umgehen kann, ohne dass schwache Signale im Rauschen oder durch Verzerrungen untergehen.
Warum diese Tabelle so gnadenlos ehrlich ist
Die Messungen stammen ursprünglich von Rob Sherwood NC0B, einem der angesehensten Empfänger-Experten im Amateurfunk. Seine Tests erfolgen reproduzierbar, unter identischen Bedingungen und unabhängig von Herstellern.
Das Ergebnis ist für viele überraschend – manchmal sogar schmerzhaft. Teure Geräte landen nicht automatisch oben. Manche ältere Transceiver schlagen moderne Alleskönner. Und Marketing-Versprechen verlieren schlagartig an Bedeutung.
Genau deshalb genießt die Sherwood-Liste weltweit so hohes Ansehen. Sie ist unbequem. Aber ehrlich.
Einordnung zu meinem früheren Beitrag
In meinem älteren Artikel zur „Sherwood-Liste Top 100 der Amateurfunk-Geräte“ habe ich bereits gezeigt, wie stark sich Geräte anhand dieser Tabelle vergleichen lassen. Damals lag der Fokus vor allem auf dem Ranking selbst.
Heute lohnt sich ein zweiter, tieferer Blick. Denn die Tabelle ist kein Kaufberater im klassischen Sinne – sie ist ein Werkzeug zum Verstehen.
Ein Platz weiter oben bedeutet nicht automatisch „besser für jeden“. Aber er zeigt, wo ein Gerät seine Stärken hat: DX-Jagd, Contest-Betrieb, leise Bänder, schwierige Antennensituationen oder Mehrstations-Umgebungen.
Warum moderne SDRs hier oft glänzen – aber nicht immer
Viele aktuelle Spitzenplätze werden von SDR-basierten Transceivern belegt. Der Grund liegt in extrem sauberen Local Oscillators, flexiblen Filtern und digitaler Signalverarbeitung.
Aber: Auch klassische Konzepte mit guter Vorselektion, hochwertigen Roofing-Filtern und sauberem HF-Design können hervorragend abschneiden. Die Tabelle zeigt sehr deutlich, dass gutes Empfängerdesign kein reines Software-Thema ist.
Was die Sherwood-Liste nicht ist
Wichtig ist auch, was die Tabelle bewusst nicht bewertet:
– Ergonomie
– Bedienkonzept
– Menüführung
– Display-Qualität
– Software-Ökosystem
– Digital-Features oder Netzwerkfunktionen
Ein Gerät kann in der Sherwood-Liste ganz oben stehen und sich im Alltag trotzdem nicht „richtig“ anfühlen – oder umgekehrt.
Fazit: Pflichtlektüre für jeden ernsthaften Funkamateur
Die Sherwood-Tabelle ist kein Show-Element, sondern ein technischer Kompass. Wer verstehen möchte, warum manche QSOs plötzlich möglich sind und andere nicht, kommt an ihr kaum vorbei.
Gerade in Zeiten von voll belegten Bändern, SDR-Hype und Marketing-Buzzwords ist diese nüchterne Tabelle wertvoller denn je. Sie erinnert daran, dass Funktechnik am Ende Physik ist – und dass gute Zahlen oft mehr sagen als schöne Versprechen.
Wer sich also intensiver mit der Wahl, dem Vergleich oder einfach dem Verständnis moderner und klassischer Transceiver beschäftigen möchte, sollte sich die Sherwood-Liste in Ruhe ansehen. Sie erklärt leise, aber sehr deutlich, warum manche Geräte im echten Funkalltag glänzen – und andere eben nicht.
http://sherweng.com/table.html
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